„Ich bin Charlie“ – Gibt es eine „richtige“ Antwort?

Dass ich hier zu einem kritischen und sensiblen Thema meinen persönlichen Exkurs schreiben darf – ohne Zensur und ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden, – ist ein wertvolles Gut. Für dieses Gut haben andere Menschen gekämpft und ihr Leben riskiert oder sogar verloren. Dieses Gut nennt sich Presse- und Meinungsfreiheit. Ein Angriff auf dieses schwer erworbene Gut wird in der westlichen, demokratischen Welt sogar einem Angriff auf die Freiheit im Allgemeinen gleichgesetzt.



Ich mag verdammen,
was du sagst,
aber ich werde mein Leben
dafür einsetzen,
dass du es sagen darfst.

Voltaire

Doch kennt diese Freiheit auch Grenzen?

Mir stellt sich diese Frage hinsichtlich der jüngsten Ereignisse, was die Anschläge auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo betrifft.

Betroffenheit über Karikaturen

Im Sinne des Religionsverständnisses müssen wohl die Karikaturen die Ehre gläubiger Muslime verletzen, weil Tabus gebrochen werden. So verletzen, dass sogar dieser schreckliche Terroranschlag als Antwort auf die Karikaturen stattfand. Menschen mussten für die Verletzung sterben.

Wurden die Karikaturen für politische Zwecke instrumentalisiert? Ließen sich Menschen für diese Zwecke so einspannen, dass sie anderen Menschen das Leben nahmen und ihr eigenes Leben riskierten (und schließlich auch verloren)? Oder braucht es Ereignisse wie die Karikaturen, um zum Erscheinen zu bringen, was längst da ist? Ein Auslöser, ob beabsichtigt oder nicht? Mir stellen sich diese Fragen, weil ich die Radikalität der Antwort nicht verstehe.

Die islamkritischen Karikaturen sind nicht nur ein Tabubruch aufgrund des islamischen Bilderverbots. Sie tragen die zusätzliche Komponente der Verunglimpfung. Auf einer der Karikaturen werden die radikalen Anhänger von Mohammed verunglimpft – ein direkter Affront gegen die radikalen Moslems.

Der Tabubruch kommt nicht aus einer Entwicklung innerhalb des Islams, sondern von außen. Deshalb kann dies bei gläubigen Moslems zumindest Unverständnis hervorrufen. Wenn bei uns Tabus gebrochen werden, vollzieht sich dies in Schritten, manchmal unmerklich, und über Generationen hinweg. Auch wir stoßen bei älteren Generationen dann auf Unverständnis. Doch ein Tabubruch von außen?

Für mich ist es schwer, ja unmöglich, mich in die Lage dieser Menschen hineinzuversetzen. Wenn wir einen Witz hören, der uns verletzt, ärgern wir uns, aber wir bringen niemand dafür um – schon gar nicht Unschuldige.

Manchmal überlege ich, wie es denn wäre, wenn Muslime Jesus karikieren würden. Wenn man ihn ehrverletzend darstellen würde: zum Beispiel, wenn man sich über seine Kreuzigung lustig machen würde, oder wenn man ihn im Bett mit seiner Anhängerin Maria (über-)zeichnen würde, wenn man die Unschuld Marias, der Mutter von Jesus, satirisch bezweifeln würde, oder … oder … Wären christliche Menschen beleidigt? Würde die Schere zwischen Christen und Moslems sich vertiefen? Gäbe es eine große Welle der Entrüstung? Die meisten würden wohl über die Karikaturen sprechen und diese als „geschmacklos“ bezeichnen.

Karikaturen und Satire in Hinsicht auf die Presse- und Meinungsfreiheit

Welche Grenzen hat die Presse- und Meinungsfreiheit? Gibt es eine solche Grenze? Wenn es eine Grenze gibt, wo liegt diese genau? Wo beginnt die Verunglimpfung, und wo hört sie auf?

Toleranz in der Religion

Die Toleranz im christlichen Glauben nimmt möglicherweise mit dem tatsächlichen Un-Glauben zu, was sich an der Zahl der regelmäßigen Kirchgänger/innen ablesen liese. Wer nicht oder mäßig und „verschwommen“ glaubt, fühlt sich nicht angegriffen. Wen würde es tatsächlich in seinem tiefsten Glauben treffen, wenn beispielsweise die Auferstehung von Jesus satirisch karikiert würde? Viele von uns würde das wahrscheinlich kalt lassen.

Wir sind es in unserer Demokratie und durch unser Schulsystem oftmals gewohnt, die Dinge in Zweifel zu ziehen. Oft gibt es kein eindeutiges Gut und Böse mehr, sondern ein irgendwo „Dazwischen“.

Humor oder Spott in den Karikaturen?

Die westlichen Demokratien fühlen sich in ihrer Freiheit beschränkt. Humor darf sein, auch schon im jetzigen Leben. Deshalb fragte ich mich, worin der Witz der Karikaturen liegt. Und ich schaute mir einer der Karikaturen an. Geht es dabei wirklich um Humor und Lachen? Und: Wer genau lacht? Lacht man bei Witzen und Karikaturen immer über andere? Und wo liegt die Grenze zwischen Humor und Hohn bzw. Spott? Gibt es ein Recht auf Blasphemie? Blasphemie bedeutet so viel wie „Gotteslästerung“.

Die Zeitschrift Charlie Hebdo verzeichnet eine Million Auflage anstelle der durchschnittlichen 60.000 seit dem Anschlag. Was wäre, wenn die neuen Abonnent/innen dieses Satire-Magazins neben den satirischen, islamkritischen Karikaturen auch beispielsweise kritische satirische Zeichnungen über das Christentum geliefert bekämen, wo ihre eigenen Werte humoristisch aufgearbeitet wären? Wie lange wären sie noch Abonnenten dieses Magazins?

Bilderverbot im Islam versus Pressefreiheit und Humor

Aufgrund des Bilderverbots im Islam – keine der Moscheen hat Bilder in seinen Gebäuden – ist mit den Karikaturen nicht nur Gott oder Mohammed verbildlicht, sondern in der Karikatur auch noch überzeichnet.

In einem Artikel der Zeit beschreibt der Soziologe Mouhanad Khorchide den gelassenen Umgang des Propheten mit Kritik am Beispiel eines Nachbarn, der ihm täglich Müll vor die Türe gekippt hat. Allerdings schreibt er auch, dass es im Islam keine Witze über Gott selbst und seinen Propheten Mohammed gibt.

Ich bin Charlie – oder nicht?

Was verteidigen wir mit Charlie Hebdo genau, wenn wir schreiben: „Ich bin Charlie.“ Grenzenlose Meinungs- und Pressefreiheit? Das Recht, uns über andere lustig zu machen? Sollen wir im Zweifel immer für die Freiheit sein?

Wertschätzender und respektvoller Dialog zwischen den Religionen

Über einen wertschätzenden Dialog könnten beide Seiten gewinnen, doch durch die erfolgte Radikalisierung verlieren alle Beteiligten. So können wir mit der Grafik „Ich bin Charlie“ für eine gegenseitige Verständigung aber gegen den Terror sein – und Mitgefühl über die Trauer der verstorbenen Angehörigen haben.

Auch wenn ich selbst keine abschließenden Antworten finde, sondern sich im Gegenteil mir mehr Fragen als Antworten stellen, so möchte ich meine Gedanken mit dem Zitat von Thomas von Kempen abschließen:

Man muss vieles, das unser Ohr trifft,
nicht hören, als wäre man taub,
und dafür Sinn und Verstand auf das richten,
was dem Herzen den Frieden bringt.

Thomas von Kempen
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