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Umgang mit Trauer und Tod

Männer trauern anders

Auch Männer dürfen trauern!

Interview mit Dr. Martin Kreuels, Autor des Buches Männer trauern anders

Interview mit Dr. Martin Kreuels zum Thema “Männer trauern anders”. Die Trauer von Männern, wenn ein geliebter Mensch stirbt: ein Tabu-Thema? Dr. Martin Kreuels macht Männern Mut, die eigene Trauer nicht zu verdrängen oder totzuschweigen, sondern sich mit ihr zu beschäftigen, damit sie ein guter Bestandteils des eigenen Lebens werden kann.

Viabilia: Sie haben ein Buch zum Thema “Männer trauern anders“ geschrieben. Das hat mich jetzt etwas überrascht, weil ich dachte, wir Menschen trauern alle gleich. Und die Intensität der Trauer hängt dann eher davon ab, wie tief wir Menschen mit jemanden verbunden sind, aber weniger vom Geschlecht her gesehen. Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Männer anders trauern als Frauen?

Dr. Kreuels: Man sieht es zum Beispiel in unserem Trauercafé: dort sind 16 Damen und 4 Herren. Oder bei den Büchern, diese sind hauptsächlich von Frauen geschrieben. Wenn ich Psychologen anspreche und frage: ‚Wie kommen Männer zu Euch?‘, dann sagen sie: ‚Männer kommen gar nicht.‘ Männer können nicht reden, sie haben das nicht gelernt. Ich gehe hierbei vom Gros der Männer aus, von wenigen Ausnahmen abgesehen: Männer haben aufgrund ihrer Erziehung nicht gelernt, über Trauer, über Gefühle zu sprechen.

Zum Beispiel hört ein Junge, der vom Fahrrad fällt, Worte wie zum Beispiel: ‚Steig‘ wieder auf, ein Indianer kennt keinen Schmerz.‘ Ein Mädchen darf weinen. Sie wird in Watte gepackt – ohne das zu bewerten -, sie darf heulen, sie darf schreien, bis der Schmerz weggeht. Ein Junge wird sofort gesagt: ‚Komm‘, egal.‘

Das zieht sich durch.

Man kann dies ebenso aus der Evolution heraus betrachen. Männer sind diejenigen, die mehr schweigen, Frauen sind die Kommunikativeren. Wenn wir jetzt ganz weit zurückgehen: Als der Mensch noch auf der Jagd war: wenn der Jäger geredet hätte in der Gruppe, wäre das Wild weg gewesen. Der Mann muss also „die Klappe halten, damit er an das Tier kommt“. Die Frau sitzt zuhause, hat die Kinder um sich herum, und ist permanent in der Kommunikation.

Als dann die Menschen seßhaft wurden, hat der Mann den Acker bestellt – wieder alleine -, die Frau war im Haus, die Familie, die Kinder wieder um sich. Das haben wir Menschen über die vielen Jahrhunderttausende hinweg so gelernt, dass wir Männer stiller sind als die Frauen.

Die Frauen können – das kann man neurophysiologisch nachweisen – mit beiden Gehirnhälften reden. Die Männer können nur “mit links” reden.

Viabilia: Das Gehirn ist ja sehr flexibel und hat sehr viele Potenziale. Professor Dr. Dr. Hüther sagt ja zum Beispiel, dass ein Gehirn enorm viele Nutzungspotenziale hat. Je nachdem, was im Gehirn genutzt wird, wird stärker ausgeprägt, und was nicht genutzt wird, fällt weg. Wenn also Männer anders erzogen werden würden, könnten sie mehr Potenziale nutzen wie beispielsweise die Fähigkeit, über Gefühle zu reden?

Dr. Kreuels: Ich glaube das eingeschränkt. Es gibt ja dieses Verbindungsstück zwischen den beiden Gehirnhälften, das bei Frauen viel dicker ausgeprägt ist als bei uns Männern. Bei Männern ist morphologisch ein anderer Aufbau, den kann man nicht ad hoc verändern, dieser entwickelt sich über viele Jahrhunderttausende; jedenfalls ist er nicht in Form von einer Erziehungsperiode änderbar.

Wenn ich jetzt wieder zurück zu unserer Trauer komme, stellt das eine Grundlage dar, wo ich merke: Männer tun sich einfach schwer, über ihre Gefühle der Trauer zu sprechen. Bei der Kommunikation von Gefühlen stecken Gedanken wie:

  • ‚Ich werde angreifbar.‘
  • ‚Ich habe Trauer nicht unter Kontrolle.‘

Ein Mann versucht in einer Stresssituation, die Familie zusammenzuhalten, während die Frau sich fallen lässt. Zum Beispiel beim Tod eines Kindes: die Frau lässt sich fallen, will nicht mehr weiterleben. Der Mann rutscht sofort in die Rolle, alles zusammenzuhalten. Das ist ein klassisches Verhalten von uns Männern. Die Frauen leben ihre Trauer aus, während die Männer mehr oder weniger herunterschlucken, sich durch Aktivitäten ablenken oder in ein Suchtverhalten geraten, weil sich nicht darüber reden können: sie fangen an zu trinken, werden spielsüchtig, flüchten sich in sportliche Aktivitäten … sie kompensieren ihre Trauer durch andere Aktivitäten und Ablenkungen.

Viabilia: Geht die Trauer dadurch dann weg? Also mit der Zeit, wenn man das durch andere Aktivitäten kompensiert. Es klingt für mich nun so, als ob man Trauer nur dadurch bewältigen könnte, indem man sie rauslässt; indem man weint und mit anderen über seine Trauer redet. Dann würde sie irgendwann weggehen. Wenn jetzt zum Beispiel ein Mann die Trauer durch Sport kompensiert, oder durch Arbeit: Geht dann die Trauer auch auf diese Art und Weise weg? Ist das ein echter Ersatz?

Dr. Kreuels: Nein, keinesfalls. Das ist nur eine Kompensation, um eben darüber nicht nachdenken zu müssen. Trauer an sich geht ja nicht weg. Trauer verändert sich. Trauer wird aushaltbarer. Sie wird so „umgebaut“ im Menschen, dass man damit leben kann. Die Trauer wird in das eigene Leben integriert, dass nicht mehr dieses Schwere, dieses Verzweifelte vorherrscht. Man akzeptiert und macht den Trauerfall zu einem Teil von seinem Leben.

Die Trauer am Anfang ist etwas, was uns Menschen „zuschwemmt“ , und wir eigentlich nicht handlungsfähig sind. Die Trauer verwandelt sich dann in etwas, womit man leben kann; aber sie bleibt. Der Mann kommt aus dieser Nummer ganz schlecht wieder heraus: er kann die Trauer wegdrängen, aber er kann sie auf diese Weise nicht transformieren.

Wie Trauern auch für Männer gelingen kann

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