Mein Blick auf mich selbst – vom Objekt zum Subjekt

Zeichnung: nuancierte Grafik in warmen Rottönen

Nur, wenn ich mich selbst als Subjekt behandle und mich meinem Gegenüber als Subjekt zeige, kann ich vom anderen als Subjekt wahrgenommen werden.

Vom Objekt zum Subjekt: wie das Leben bunt und schön werden kann

Was bedeutet das, “mich als Objekt oder Subjekt behandeln”?

Welchen Blick wir auf uns selbst werfen und wie wir uns dementsprechend behandeln, hat weitreichende Folgen für unser Dasein ebenso wie für unsere Beziehungen zu anderen. Zum Beispiel: wie gehe ich mit mir selbst um, wenn ich krank bin und einmal nicht so “funktioniere”? Bin ist stets freundlich und “lieb” zu anderen? Traue ich mich nicht, nein zu sagen bzw. sage ich zu schnell ja? Wenn ja, was steckt dahinter?

Als kleine Hilfestellung hier die “Boxbetrachtung”:

Stellen Sie sich vor, die Menschen wären eine Box. Wenn ein Mensch nun als Objekt behandelt wird, kommt es nicht auf den Inhalt an. D.h. es kommt nicht darauf an, wer sich in der Box befindet, sondern auf die (äußere) Form, dessen Funktionalität und Schönheit.

Die Box lernt, dass sie geliebt wird, wenn sie funktioniert: Je besser sie funktioniert, desto mehr Anerkennung erhält sie. Funktioniert sie nicht mehr, wird sie “weggeworfen”, weil sie keinen Nutzen mehr bringt.

Die Box hat zudem zu passen. Unförmigkeiten werden “weggeschnitten”. “Wegschneiden” passiert durch Liebesentzug und Bestrafung. “Ich liebe Dich erst wieder, wenn Du meinen Erwartungen entsprichst”, lautet das Motto. Daraufhin ändert sich die Box, denn sie will ja geliebt werden. Vielleicht ändert sie sich auch aus Angst vor Bestrafung.

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht ein interessanter Gedanke, dass es in manchen Kulturen die körperliche Beschneidung gibt.

Beispiel eines Objektes, das beschnitten wird

Im Laufe der Zeit geschieht es, dass man der Box gar nicht mehr sagen braucht, wenn sie etwas von sich wegschneiden soll. Sie spürt es schon im Voraus und tut es ganz von alleine. Solange alles gut läuft, ist die Box zufrieden, denn da sie gut zu funktionieren gelernt hat, bekommt sie viel Anerkennung.

Warum sich als Objekt sehen?

Warum ist es überhaupt möglich, dass sich ein Mensch als Objekt betrachten kann?

Da gibt es viele Möglichkeiten, einige davon sind beispielsweise:

  • Ich habe es so gelernt: ich bekam Lob, wenn ich die Erwartungen erfüllt habe, und Kritik bis hin zu Liebesentzug und Bestrafung, wenn ich die Erwartungen nicht erfüllt habe.
  • Ich will geliebt werden.
  • Ich will anerkannt werden.
  • Ich will gebraucht werden.
  • Ich habe die Annahme: “Wenn ich nützlich bin, hat mein Leben einen Sinn.”

Doch weshalb funktioniert das nicht? Es wird nicht funktionieren, weil es bei der Objektbetrachtung um ein “Es” geht, nicht um ein “Ich” oder ein “Selbst”.

Was ist die Folge der Objektbetrachtung?

Dummerweise ist die Box bei der Betrachtung als Objekt abhängig von dem Wohlwollen anderer und davon, die Erwartungen der anderen zu erfüllen. Der innere Raum wird für die Box immer kleiner, weil so viel abgeschnitten wird: Einerseits wird von der Zeit viel abgeschnitten, die sie für die Erfüllung der Erwartungen der anderen verbraucht. Andererseits kostet es sie viel Energie, sich selber zu verstecken und nicht so zu sein, wie sie eigentlich ist, und nicht das zu tun, was sie eigentlich will.

Zeichnung: graue Objekte

Die Box wird immer farbloser, weil sie nach und nach an Energie verliert. Vielleicht wird sie krank, da Krankheit ein nahezu “legales” Mittel ist, sich zurückzuziehen und sich zu erholen.

Was passiert, wenn man nicht mehr so gut funktionieren kann?

Beispiel Krankheit

Wenn es nun aber zum Beispiel passiert, dass die Box krank wird, und sie nicht mehr so gut funktionieren kann, dann bekommt die Box Angst, denn sie ist für die Zeit ihrer Krankheit ja nutzlos geworden. Sie bekommt sogar Schuldgefühle, weil sie nun den anderen zur Last fällt.

Zeichnung: dunkelgraues Objekt

Gleichzeitig macht es die Box wütend, wenn sie kein Mitgefühl und keine Liebe mehr bekommt, sobald sie aufgehört hat, richtig zu funktionieren.

Was möchte die Box gerne?

Die Box möchte sich zeigen und sie selber sein. Sie will, dass andere Menschen sie wertschätzend sehen, wenn sie sich öffnet. Sie will, dass andere sie so akzeptieren und lieben, wie sie ist – egal, ob sie gerade etwas leistet oder nicht. Sie will für ihren Inhalt geliebt werden, für ihr So-Sein.

Was passiert aber, wenn die Box gar nicht gut gelernt hat, sich selber gut kennenzulernen? Dann beginnt sie, sich selber nicht mit dem eigenen Inhalt zu sehen, sondern sich als Objekt zu betrachten. Da sie selber nicht gelernt hat, sich gut zu sehen, kann sie natürlich die anderen Menschen ebensowenig gut sehen.

Die Folge davon ist: Sie behandelt wiederum die anderen als Objekte. Sie manipuliert sie, manchmal ohne sich dem selber bewusst zu sein, indem sie anderen ihre Erwartungen überstülpt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht, wenn sie nicht so sind, wie sie aus ihren Augen heraus zu sein haben.

Was ist das Dumme daran?

Das wirklich Dumme an der Sache ist, dass das Beschneiden weh tut. Es ist der Preis für das Geliebtwerden und die Anerkennung.

Neben dem Energieraub für das “Verstecken” des Inhalts können Resignation, Stillstand, Mutlosigkeit die Folge sein. Die Box verliert ihre Lebendigkeit.

Schöne, aber nachdenkliche Puppe

Sich nicht zur "schönen Puppe" machen ...

Zudem quält die Frage:

Was ist echt?

Ist die Liebe, die Zuneigung meines Gegenüber wirklich echt? Oder werde ich nur geliebt, solange ich meine Rolle gut erfülle? Wird nur das Äußere geliebt?

Ist es nicht die tiefe Sehnsucht des Menschen, so geliebt zu werden, wie man ist, mit all seinen Ecken und Kanten? Auch wenn man mal nicht so gut passt.

Wie kommt man aus einer solchen Objektbeziehung heraus?

Den Anfang machen wir damit, dass wir uns selbst als Subjekt betrachten und wertschätzen. Egal, ob wir etwas leisten oder nicht, ob wir passen oder nicht: wir sind immer gleich wertvoll.

Die Basis der Betrachtung von sich selbst als Subjekt ist also die Selbstannahme, die die Grundlage der Selbstliebe ist.

Dazu passt übrigens sehr gut das Buch Die Kraft der Selbstvergebung von Hina Fruh, in dem es darum geht, Wege einzuüben, sich selbst zu akzeptieren; d.h. herauszukommen aus den Schuldgefühlen, der Angst und der Scham, man selber zu sein.

Wir dürfen uns das Recht zugestehen:

Ich gebe mir die Erlaubnis, so zu sein, wie ich bin.

Was kann nun alles dazu gehören, sich selbst als Subjekt zu betrachten?

Man könnte bestimmt eine mindestens “Tausend Punkte-Liste” aufstellen, doch hier ein paar Ideen:

  • die eigenen Gefühle wahrnehmen und sie sich erlauben
  • die eigenen Gefühle angemessen nach außen vertreten
  • gute Grenzen setzen und sich mit diesen Grenzen mehr Raum für sich selbst gewähren
  • nicht mehr alles schlucken
  • Vereinbarungen mit anderen aushandeln
  • sich Zeiten des Rückzugs und der “Inkubation” gewähren
  • sich selbst Zeit für Muße, Nichtstun und Besinnung geben
  • sich nicht ausnutzen lassen
  • seinem eigenen Herzen Raum geben
  • “Folge der Freude – nicht wie wir es gelernt haben, der Pflicht”, Ausspruch von Veit Lindau in seinem MyLife-Kurs, Lektion 14
  • weniger bewerten: sich selber und die anderen in ihrem So-Sein belassen, vielleicht sogar: die Vielfalt genießen
  • die eigenen Stärken ausleben, Stärke zeigen
  • sich selber Freiheiten gewähren
  • zeigen, was man vom anderen braucht (zum Beispiel, wenn man vom anderen gerne in den Arm genommen werden würde, genau darum bitten)
  • stärkende Ort schaffen (zum Beispiel in der Wohnung oder im Garten)
  • stärkende Orte aufsuchen
  • die eigene Spiritualität weiterentwickeln
  • eigen-sinnig sein und seinen Standpunkt ruhig vertreten dürfen, ohne den anderen anzugreifen
  • andere Standpunkte andere Standpunkte sein lassen
  • auch mal Fünfe grade sein lassen
  • großzügig zu sich selber sein, sich etwas gönnen
  • großzügig zu anderen sein (unter Wahrung der eigenen Freiräume)
  • Neues ausprobieren (zum Beispiel sich massieren lassen, in einen Kletterwald gehen …)
  • sich bewusst werden, was man wirklich will
  • die eigene Wahrhaftigkeit leben
  • seinem Herzen folgen
  • auf andere zugehen, die einem sympathisch sind
  • einfach einmal ein Lächeln schenken
  • sich auf jemanden einlassen
  • “Ja” sagen zu Begegnungen
  • zu sich selber stehen
  • sich gut mit seinem Standpunkt fühlen (auch wenn er nicht der Standpunkt der anderen ist)
  • sich zugestehen, nicht immer verfügbar zu sein und nicht immer passen zu müssen

Alles mündet in diesem Satz:

Du darfst Du selber sein!

Vom Objekt zum Subjekt über

Es gibt in der deutschen Sprache den passenden Ausdruck: “Farbe bekennen”. Du darfst Farbe bekennen.

Wie so etwas im konkreten Fall aussieht?

Der Umgang mit sich als Subjekt

Kehren wir zum Beispiel Krankheit zurück:

Wenn ich krank bin, geht es nicht mehr funktional um die Frage, wie ich wieder arbeitsfähig werde und anderen nicht zur Last falle, sondern die Frage stellt sich individuell und kann beispielsweise so lauten, wie Veit Lindau in einem seiner Kurse es so interessant formulierte:

“Mein Körper ist heute anders als sonst. Ich darf heute üben, mit Schwäche klar zu kommen.”

Vielleicht muss ich auch lernen, andere um Hilfe zu bitten, vielleicht arbeite ich zu viel und mein Körper verlangt Erholung. Die Antwort ist stets individuell auf den Einzelfall zugeschnitten.

Sie merken schon, der Umgang und die Sprache verändern sich:

  • Ich gewähre mir Freiräume, anstelle: ich renne Verpflichtungen hinterher
  • Wollen anstatt Müssen
  • aktive Gestalterin, aktiver Gestalter, anstelle einer Opfer-Rolle
  • sich zeigen anstelle sich Verstecken
  • ein ruhiges Dürfen anstelle eines Sich-Verteidigens

Und wenn beim Einüben neuer Umgangsformen die Wellen hochschlagen beim Anderen? Die beruhigen sich wieder … denn letztendlich haben wir keine andere Wahl: Wir sind nun mal wir selbst. Natürlich dürfen wir Kompromisse schließen, dann ich dies eine bewusste Entscheidung, und der oder die Andere weiß, dass wir hier für ihn bzw. sie bewusst einmal zurückstecken. Wir gewähren bewusst den Kompromiss.

Der veränderte Umgang mit anderen

Wenn wir anders mit uns selbst umgehen, mehr darauf bedacht sind, auf uns zu achten und uns mehr Freiräume zu geben, bleibt das natürlich nicht unbemerkt.

Die alte Abfolge kann zum Beispiel so aussehen:

⇒ Ich passe in einer Situation nicht.
⇒ Ich will den (manchmal sogar nur vermeintlichen) Erwartungen der anderen entsprechen.
⇒ Ich bin aber nicht so, wie der Andere mich haben will.
⇒ Mit mir stimmt etwas nicht.
⇒ Ich fühle mich angegriffen. Oder: Ich fühle mich ohnmächtig und meine, ich genüge nicht.
⇒ Ich muss mich nach außen hin verteidigen. Oder: Ich verstecke mich.
⇒ Nach innen hin versuche ich, mit mir selbst klar zu kommen, weil ich mich selbst in Frage stelle und ein schlechtes Gewissen habe.

Dieses Sich selbst in Frage stellen ist energiezehrend, raubt die Lebensfreude und nimmt den inneren Frieden.

Es braucht mich nicht innerlich zu quälen, wenn ich jemand anderen enttäusche, weil ich dessen Erwartungen nicht erfülle. Der/die Andere muss nicht erfreut darüber sein und hat das Recht, sich zu ärgern. Aber ich darf bei mir bleiben, in meiner Mitte, und muss mich nicht manipulieren oder erpressen lassen. Ich darf Schritt für Schritt Lösungen für unangenehme Probleme finden.

Ich brauche es aber nur mir selbst recht machen. Manchmal ist es ein Zu sich Stehen-Lernen, Tag für Tag, Schritt für Schritt, bis es zu einer guten Gewohnheit geworden ist:

  • Übe Dich darin, Dich bei Widerspruch wohl zu fühlen.
  • Übe Dich darin, entspannt im Jetzt zu sein.
  • Lerne, Dich selbst anzunehmen.

Wie mache ich es, dass ich mich nicht ständig in Frage stelle?

Eine veränderte Abfolge könnte zum Beispiel so aussehen:

⇒ Ich passe in einer Situation nicht.
⇒ Ich muss den Erwartungen der anderen nicht entsprechen.
Wenn ich den Erwartungen anderer nicht entspreche, bin ich trotzdem völlig ok.
Auch eine mögliche Reaktion in Form eines Widerstands oder Ärgers beim Anderen ist völlig ok.
⇒ Ich bleibe heil.

Die Folge davon ist, dass ich mir in meinem So-Sein Respekt verschaffe. Die anderen nehmen mich ernst.

Bunte Kästchen als Symbol für: die Welt wird bunt und schön

Die Welt wird schön und bunt.

Ich setze die innere Überzeugung über die äußere Form

Wenn ich mich nicht ständig in Frage stelle, sondern meinen Focus darauf richte, mich selbst besser kennenzulernen und für mich selbst gut zu sorgen, habe ich Energien für andere frei. Möglicherweise erwacht dann eine echte Neugierde und ein echtes Interesse an anderen Menschen. Man kann die Vielfalt genießen, die aus den unterschiedlichen Lebenswelten stammt.

Wenn wir unser Selbst mehr ausleben, was verbindet uns dann, wenn uns das reine Funktionieren nicht mehr verbindet? Uns verbinden die Werte, die wir mit anderen Menschen teilen.

  • respektvoller Umgang mit Andersdenkenden
  • die grundsätzliche Achtung der Würde des Menschen
  • weniger Bewerten, sondern das Gegenüber in ihrem/seinem Selbstverständnis so sein lassen, wie sie, wie er, ist

Die Folge kann sein:

  • Wohnen in sich selbst
  • Dankbarkeit
  • das Leben bunt und schön finden
  • das Leben genießen
  • Lebensfreude haben

Ein Buch zur Inspiration auf diesem Weg könnte beispielsweise das Buch von Isabel Arends sein: Fit for Flow: Entdecke Deine Kreativität! Der Titel lautet zwar so, dass er nicht vermuten ließe, dass obiges Thema damit in Zusammenhang stünde, es geht aber in vielen Schritten genau darum, vom reinen Funktionieren wegzukommen und sich selbst zu verwirklichen. Es ist daher nicht nur für Künstler/innen gedacht, sondern kann auch für Lebenskünstler/innen im Allgemeinen interessant sein (jedenfalls ging es mir so beim Lesen).

Zuletzt ein guter Wunsch von mir an Sie:

Mut zur Freiheit

Die Freiheit, Du selbst zu sein,
mit all Deinen Ecken und Kanten
Dein eigenes Wesen zu verwirklichen,
ist das größte Geschenk im Leben.

Gutes Gelingen wünsche ich Dir
auf dieser spannenden Entdeckungsreise!

Betina Graf-Deveci

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